Ein Ass auf der Doppel-9

Sportwettkämpfe stecken immer voller Geschichten. Es gibt die des Underdogs, der für Überraschungen sorgt, die des unbeliebten Athleten, der vom Guten bezwungen wird oder auch von einfachen Favoritensiegen. Das 38. Sarower Dartsturnier schrieb die einer Premiere, mit der der Akteur in der Form gar nicht rechnete. Wir blicken zurück auf einen Tag, der ganz im Zeichen von Spielkarten und unbeliebten Doppeln stand.

Der Glücksbärchi-Faktor

Konzentration. Einen Dart noch für die Doppel-18. Das kann es sein. Der erste Turniersieg. Beim letzten Event in Sarow hatte er sie drei Mal verfehlt, wurde dadurch nur Zweiter. Jetzt kann er es beenden. Er schaut, wirft und… die einfache 18. Es soll nicht sein. Nun wird Wunschi es sich bestimmt holen. Zu sicher ist der Mann auf die Doppel. Er hat bereits Tops Rest. Das wird ein Break und dann wird es nochmal ganz eng. Aber Moment, Wunschi verpasst, steht nach zwei Fehlwürfen nun auf der Doppel-13. Vielleicht. Vielleicht kommt er doch nochmal ran. Und tatsächlich. Drei Matchdarts. Auf der Doppel-9. Jener Doppel-9, die er bereits im Achtelfinale zum wichtigen Rebreak und 1:1 getroffen hatte. Und im Viertelfinale um sich die 2:1-Führung zu sichern. Ist das das siegbringende Doppel? Ist das die Geschichte? Der erste Dart ist daneben. Aber er hat noch zwei. Fokus. Ruhe. Ein starrer Blick. Er kann es. Er will es. Dieses Mal lässt er es sich nicht nehmen. Er zielt. Holt aus. Und drin! Der Dart ist drin! Rene Kähler gewinnt sein allererstes Dartsturnier! „Das ist dann so der Moment wo ich Tobi angucke und denke: HÄ?! Siehst du das gerade auch? Ist das wirklich passiert?“

Es war ein langer Weg und ein langer Turniertag hin zu diesem Moment. René war in eine vergleichsweise machbare Gruppe gelost worden. Allerdings mit der Ausnahme von Robert Wunsch, der wie immer als Top-Favorit gehandelt wurde. Und dies stellte er im ersten Duell direkt unter Beweis, als er Kähler mit 3:1 besiegte und dabei einen 70’er Average an den Tag legte. „Das kann man dann auch mal verlieren. Vor allem, weil er im letzten Leg auch mit einer 180 startet. Aber das war ja zum Glück nur die Gruppenphase“, sagte Kähler. Und nach der Niederlage zum Auftakt sollte es für René auch deutlich besser laufen. „The ENERgy“ gab in den restlichen fünf Partien kein Leg mehr ab und kam somit locker weiter. Grund dafür war natürlich die Ankunft seines persönlichen „Glücksbärchis“. „Als meine Freundin Jette dann endlich da war lief es besser. Das ist so ein Punkt, der mich einfach motiviert. Da spiele ich immer ein paar Prozentpunkte besser, das ist ganz cool.“ Mit fünf Siegen und einer Niederlage zog René also verdient ins Achtelfinale ein.

Die Dartfighters bleiben unter ihren Möglichkeiten

Für die restlichen Dartfighters lief es an diesem Tag in Sarow jedoch nicht sonderlich gut. In Renés Gruppe war auch Alexander Voigt, der allerdings direkt mit einer 0:3-Pleite gegen Organisator Schelle startete. Auch gegen René konnte er sich dann kein Leg sichern. Er hatte an diesem Tag mit sich selbst zu kämpfen, kam überhaupt nicht in sein Spiel. „Die letzten 2-3 Wochen läuft gar nichts rund und dementsprechend lief das Turnier auch. Ich habe gegen Leute verloren, gegen die ich mit meinen Ansprüchen nicht verlieren darf“, so der „Hausmeister“. Zwar konnte er sich zunächst steigern, Robert Wunsch ein Unentschieden abringen und vor allem gegen Konrad Glawe sein Potenzial aufblitzen lassen, in der Summe war es jedoch sehr wenig, was Voigt an diesem Tag zeigte. Nichts war zu sehen von seiner Form von der Auflage zuvor, als er völlig überraschend auf dem fünften Platz landete. Dennoch erreichte er so gerade das Achtelfinale, wo er sich gegen Marco Felgenhauer knapp mit 3:2 durchsetzte. Gegen Marco Seemann war dann aber endgültig Schluss, weil er das Scoring seines Gegners nicht mitgehen konnte. „Im Nachhinein muss ich sagen, dass ein Halbfinale auch nicht verdient gewesen wäre. Ich habe nicht gut gespielt, es waren ein, zwei Spiele bei, da war ich gut, aber ansonsten habe ich mir selbst zu viel Druck gemacht.“ Am Ende erreichte er den achten Platz und fuhr diesmal ohne Pokal nach Hause.

Auch für Denny Volkgenannt war es ein eher gebrauchter Tag. Er wurde in eine äußerst schwierige Gruppe gelost, hatte mit Kaschi, Koopi, Koschi und Eisi vier Spieler, die regelmäßig Top-Platzierungen in Sarow erreichen. Dazu mit Marco Felgenhauer einen Akteur, der einen starken Tag erwischte. „Das Ziel sollte trotzdem das Achtelfinale für mich sein. Leider kam ich aber nie wirklich rein ins Turnier und konnte daher wichtige Punkte nicht mitnehmen. Am Ende war das Ergebnis leider leistungsgerecht“, so „Double-D“. Gefreut hat er sich trotzdem, denn er traf einen alten Bekannten wieder. Matthias „Koschi“ Koschker und Volkgenannt erkannten sich auf dem Weg zum Oche und waren sich sicher, sie kannten sich. Woher genau wurde nicht überliefert. Dass beide Darts spielen, wussten sie schon mal gar nicht. Doch Denny hatte bereits erfahren, zu was ein Koschi in der Lage ist, daher ging er fokussiert ans Werk und holte sich tatsächlich das erste Leg. Dann aber packte sein Gegner eine Schippe drauf und drehte Partie noch zu einem 3:1-Sieg. Für Denny war die Messe damit im Grunde schon fast gelesen. Dennoch gab er nicht auf, kämpfte im jeden Platz, musste sich in der Endabrechnung jedoch mit Platz 22 begnügen.

Nach fast einem Jahr Abstinenz gab auch Alexander „Acki“ Plewka sein Comeback in der Turnhalle in Sarow. Auch er war Teil der Hammergruppe von Denny und daher war auch für ihn klar, dass es ganz schwer würde. Doch er verkaufte sich für seine Verhältnisse zufriedenstellend. „Mit der Gruppenphase war ich eigentlich recht zufrieden, ich habe mich von Spiel zu Spiel steigern können. Der Ausgang der Spiele hat es leider nicht so gezeigt, aber in dem einen oder anderen Match wäre durchaus was drin gewesen“, so Acki. Zum Beispiel gegen den „Koopikiller“ Stefan Koop. Dort hatte Acki Darts zum Ausgleich, konnte diese jedoch nicht verwandeln. Es wäre ein wichtiger und schöner Punkt gewesen, doch an diesem Tag hatte es nicht sollen sein. Wie immer stand für Acki aber der Spaß im Vordergrund: „Die Platzierungsspiele mit Peter Kühne und Jens haben mir sehr gefallen. Das sind sehr nette Leute, das hat mir sehr viel Spaß bereitet. Es war trotz allem ein ganz toller Tag, alles super organisiert und ich hatte Spaß, das ist die Hauptsache. Der Rest kommt irgendwann. Oder auch nicht.“

Gegen alle Wahrscheinlichkeiten

„Der Modus war gerade ab dem Achtelfinale sehr interessant. Jede Runde wurde neu gelost, ohne Setzliste. Du wusstest also nie, auf wen du triffst“, berichtete Kähler. Es wurden Spielkarten gezogen, die beiden Akteure, die die gleiche Karte, zum Beispiel einen Buben, hatten, sollten aufeinandertreffen. René zog für die Achtelfinalpartie ein Ass, durfte auf Board eins und bekam es mit Ronny Raatz zu tun. „Im Nachhinein ein undankbares Los. Er hat alle psychologischen Tricks angewendet, die man anwenden kann. Während meines Wurfs nah an mich rankommen, laut durchpusten oder räuspern, irgendwas quatschen die ganze Zeit. Das ging einem schon auf die Nerven und ich hatte damit zu tun, den Fokus zu behalten“, berichtete Kähler. Und tatsächlich, waren die Methoden, die Raatz an den Tag legte, an der Grenze des guten Geschmacks. Dennoch versuchte René in seinem Tunnel zu bleiben. Und nachdem Raatz ein 75’er Finish auf Tops zum Sieg minimal verfehlte, kam Kählers erste Sternstunde. „Ein 85’er Finish zum Match. Der erste Dart direkt in die Triple-15. Das war mein absolutes Highlight. Und das hat ihn dann richtig genervt. Nach dieser ganzen Beeinflussung auf mein Spiel, hat mir das sehr viel Genugtuung gegeben“, gab Kähler zu.

Für das Viertelfinale wurde erneut eine Karte gezogen, wieder zog Kähler das Ass, Board eins. Mit Thomas Lange hatte er einen schwierigen Gegner, der nach Renés Führung mit einem 153’er Finish zum Ausgleich konterte. „Da kann ich dann auch nur sagen: Respekt! Das machst du halt nicht jeden Tag. Er spielte auch 62 im Schnitt, ich nur 61. Aber zum Glück zählt am Ende das Ergebnis und nicht der Average“, erklärte René, der sich mit 3:1 durchsetzte. Ein letztes Mal wurde vor dem Halbfinale gelost und zum dritten Mal in Serie zog Kähler entgegen aller Wahrscheinlichkeiten das Ass. Board eins, Gegner: Stefan Koop. „Ich war komplett entspannt im Halbfinale. Ich hatte keinen Druck mehr, weil ich bereits mehr erreicht hatte als ich wollte. Die 77 über 7, 20, Doppel-Bull waren da natürlich klasse“, erinnert sich Kähler. Und auf die Doppel war er in dem Spiel besonders stark. Nicht einen einzigen Fehlversuch gab es zu verzeichnen. „Die 100% waren schon heftig. Für Koopi tut es mir dann auch ein bisschen leid, weil er ein verdammt guter Spieler ist, der am Ende auch verdient Dritter wurde“, so „The ENERgy“.

Mit diesem Sieg erreichte er das Endspiel. Nachdem es bei der Auflage im August kein echtes Finale gab, da alles in Gruppen ausgefochten wurde, war dies sein erstes echtes Finale in Sarow. „Dass ich dort hinkomme, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich wollte eigentlich nur das Achtelfinale überstehen. Und dann kriegst du da plötzlich nochmal ein Extraspiel wo alle zugucken. Das ist einfach ein richtig, richtig geiles Gefühl“, erzählte Kähler und fügte an: „Ich hatte keine Erwartungshaltung. Klar wollte ich auch mal ein Turnier gewinnen, aber ich wusste, wenn ich Zweiter werde, habe ich ein richtig gutes Turnier gespielt und kann mega zufrieden sein.“ Auf Robert Wunschs erste Aufnahme, eine 125, konterte Kähler mit 140 Punkten und bestimmte von da an die Anfangsphase. Nachdem er dann auch noch ein Break holen und bestätigen konnte, brauchte er nur noch seine eigenen Anwürfe durchbringen. Dies gelang ihm und so schnappte er sich auf der Doppel-9 seinen ersten Turniersieg. „Ich musste das erst mal so ein bisschen verarbeiten. Es fühlt sich richtig, richtig geil an. Das ist die Bestätigung meiner Leistung, die ich mir über die Corona-Zeit antrainiert habe. Es ist ein super Zeichen, wenn das alles so Früchte trägt. Ich gucke jetzt von Turnier zu Turnier und hoffe, dass ich mich durch die ganzen Erfahrungen noch weiter verbessern kann. Ich weiß jetzt, dass ich sowas erreichen kann. Und damit kann ich auch helfen das Team in der MV-Liga nach vorne zu bringen“, fasste Kähler das Turnier zusammen.

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